Wasserkraftwerk Keselstraße: Es dreht sich wieder was

Auf der perfekten Welle in eine Zukunft nachhaltiger Energiepolitik das neue Wasserkraftwerk Keselstraße in Kempten sieht nicht nur außergewöhnlich aus, es leistet auch einen wichtigen Beitrag für mehr Klimaschutz im Allgäu.
Die Schöpfer des neuen Bauwerks in Kempten sind zufrieden. Nach sechs Jahren Planung und zwei Jahren Bauzeit schmückt es nun das Ufer an der Keselstraße: das neue Wasserkraftwerk von AllgäuStrom. "Mit dem architektonisch ansprechenden und äußerst leistungsfähigen Kraftwerk setzen wir einen weiteren Meilenstein für nachhaltige Energiepolitik im Allgäu", freut sich Michael Lucke, Chef des AllgäuStrom Partners Allgäuer Überlandwerk (AÜW).
10,5 Millionen Kilowattstunden umweltfreundlicher Strom werden hier künftig pro Jahr erzeugt. "Damit können wir rund 3.000 Haushalte versorgen und vermeiden so jährlich etwa 5.400 Tonnen schädlicher CO2 -Emissionen", so Michael Lucke.
Ein Blickfang am Ufer
Rund 15 Millionen Euro hat das AÜW in das Kraftwerk auf der Westseite der Iller zwischen den denkmalgeschützten Bauten der ehemaligen Spinnerei und Weberei investiert. Ein auffälliges Äußeres, das architektonisch in die Umgebung passt, war den Betreibern bei der Planung besonders wichtig. Das Resultat kann sich sehen lassen - und wird kaum zu übersehen sein. Das 100 Meter lange, 23 Meter breite und zehn Meter hohe Gebäude in Form einer gefrorenen Welle sprengt den Rahmen alles bisher Gewohnten.
Bewusst. Das Kraftwerk ist ein wirklicher "Hingucker". Es soll auf die eher schüchtern dahinplätschernde Iller aufmerksam machen, die neben viel Wasser auch Energie liefern kann - nämlich Energie ohne klimaschädliche Treibhausgase. Während der zweijährigen Bauphase mussten allerdings zunächst einige unerwartete Hürden überwunden werden. "Als größtes Problem stellte sich die Baugrubensicherung heraus", sagt Walter Feßler, Leiter der Abteilung Anlagen/Kraftwerksbetriebe beim AÜW.
770 Tonnen Stahl
Der Fels um den Uferbereich war so zerklüftet und instabil geschichtet, dass die einzelnen Gesteinsbrocken zunächst mühsam zusammengenagelt werden mussten. Dabei kamen bis zu zwölf Meter lange Nägel zum Einsatz. "Damit haben wir die Felsbrocken fixiert, die man sich so groß wie ein Zimmer vorstellen kann", so Feßler. Gigantisch war aber nicht nur diese ungewöhnliche Baumaßnahme, auch der Materialaufwand war enorm. So wurden allein mehr als 770 Tonnen Stahl verbaut. "So viel, wie man zum Bau von etwa 770 Mittelklasse-Autos braucht, oder zehn Prozent des Eiffelturms, oder die Hälfte der Reichstagskuppel in Berlin", erklärt Walter Feßler.
Millimeterarbeit erforderlich
Anspruchsvoll war auch der Transport und Einbau der beiden Kaplanschachtturbinen - die Herzstücke der Anlage. Die Turbinen ähneln mit ihren propellerförmigen Flügeln einer Schiffsschraube, nur dass sie senkrecht verbaut werden. Jede Turbine hat einen Durchmesser von 2,35 Metern und ist etwa sieben Meter hoch. Die einzelnen Teile wurden in drei Abschnitten mit Schwertransportern angeliefert und in Millimeterarbeit in die Baustelle gehoben - ein Kraftakt für den 500 Tonnen schweren Autokran. Zunächst wurden die Saugschläuche eingebaut, es folgten die feststehenden Turbinenteile und anschließend die propellerähnlichen Laufräder. Den Abschluss machte schließlich der drei Meter hohe und 45 Tonnen schwere Generator, der für die Stromerzeugung verantwortlich ist. Dann wurde gefeiert: Zwei Jahre nach dem Spatenstich lud AllgäuStrom zum "Drehfest" ein - dem Moment, in dem die Iller das erste Mal durch die beiden neuen Turbinen strömte.
